TÜV ergänzen Forschungsbericht zu technischen Anlagen mit hohem Gefährdungspotenzial

In der VdTÜV-Schriftenreihe Recht & Technik erscheint nun ein Ergänzungsband zum Band 18. Darin erläutert Prof. Ulrich Hauptmanns "Beurteilungskriterien für sicherheitstechnische Prüfungen von Flüssigkeitslagern".
Im aktuellen Ergänzungsband zu Band 18 der VdTÜV-Schriftenreihe Recht & Technik behandelt Prof. Ulrich Hauptmanns das Thema Flüssigkeitslager. (Foto: Jan Kranendonk/Fotolia)
Im aktuellen Ergänzungsband zu Band 18 der VdTÜV-Schriftenreihe Recht & Technik behandelt Prof. Ulrich Hauptmanns das Thema Flüssigkeitslager. (Foto: Jan Kranendonk/Fotolia)

Von technischen Anlagen mit einem hohen Gefährdungspotenzial können im Schadensfall Gefahren nicht nur für Beschäftigte, sondern auch für unbeteiligte Dritte ausgehen. Daher sind vom Gesetzgeber Anforderungen an solche Anlagen in Gesetze (z.B. Geräte- und Produktsicherheitsgesetz) und Verordnungen (z.B. Betriebssicherheitsverordnung) eingeflossen.

Überwachungsbedürftige Anlagen

Auf Grund europäischer Richtlinien wurde eine Überarbeitung des Geräte- und Produktsicherheitsgesetzes (GPSG) nötig. Die Frage nach der Notwendigkeit einer Anpassung ergab sich auch für die im Abschnitt 5 des GPSG enthaltenen überwachungsbedürftigen Anlagen. So ist der Katalog der überwachungsbedürftigen Anlagen im GPSG ohne Berücksichtigung aller technischen Entwicklungen festgeschrieben.

Neue Anlagen mit hohem Gefährdungspotential

Einige Anlagen, z. B. Acetylenanlagen und Calciumkarbidläger, werden heute nicht mehr in nennenswertem Umfang betrieben. Bei anderen Anlagen, wie z. B. Getränkeschankanlagen, erachtete der Verordnungsgeber bereits in der Vergangenheit eigene Regelungen als nicht mehr notwendig. Die technischen Entwicklungen haben aber auch neue Anlagen mit hohem Gefährdungspotential hervorgebracht, bei denen eine mögliche Gefährdung Beschäftigter und Dritter in Betracht gezogen werden muss. Das betrifft zum Beispiel Windkraft- und Biogasanlagen.

Gefährdungen frühzeitig erkennen

In der Vergangenheit stufte der Gesetzgeber Anlagen auf Grund ihres Schadensgeschehens als überwachungsbedürftige Anlagen ein. Heute werden Kriterien gesucht, die ein frühzeitiges Erkennen von erhöhtem Gefährdungspotential für Beschäftigte und Dritte ermöglichen und aus denen sich vorausschauend Erkenntnisse zur Notwendigkeit sicherheitstechnischer Prüfungen ableiten lassen.

Forschungsvorhaben

Die TÜV nahmen dies zum Anlass, im Rahmen des VdTÜV das Forschungsvorhaben „Kriterien für die Beurteilung von Gefährdungen durch technische Anlagen“ zu initiieren. Dazu beauftragten sie die Magdeburger Arbeitsgemeinschaft von Professor Dr.-Ing. Ulrich Hauptmanns und Junior-Professor Dr.-Ing. Marcus Marx. Das Forschungsvorhaben, dessen Ergebnisse in zwei Teilen publiziert vorliegen, widmet sich der Ermittlung von Kriterien zur Einstufung technischer Anlagen, für die auf Grund eines erhöhten Gefährdungspotentials besondere sicherheitstechnische Anforderungen erforderlich sind, um den Schutz von Beschäftigten und Dritten zu gewährleisten.

Wirkung über unmittelbare Umgebung hinaus

Das Forschungsvorhaben soll Aufschluss geben, inwieweit die Wirkung von potentiell gefährlichen Anlagen über die unmittelbare Umgebung hinausreichen kann. Zudem wollten die Auftraggeber wissen, inwieweit die Qualität und Häufigkeit von Prüfungen die Sicherheit einer Anlage beeinflussen, d. h. notwendig sind, um ein zu definierendes Sicherheitsniveau zu gewährleisten. Auf Basis der in einer technischen Anlage in unterschiedlicher Form gespeicherten Energie (z. B. die chemische Energie in einem Lagertank oder die physikalische Energie in einem Druckbehälter), werden unterschiedliche Gefährdungen (z. B. Gefährdungen durch Druck, Strahlung, Brand, umher fliegende Teile) vergleichbar gemacht, um eine entsprechende Einordnung und Klassifizierung zu ermöglichen.

Vergleichbarkeit der Energieformen

Die Magdeburger Arbeitsgemeinschaft verglich die Energiepotentiale der beispielhaft ausgewählten Anlagenarten mit den in der Betriebssicherheitsverordnung bzw. der Druckgeräterichtlinie oder in anderen technischen Regelwerken geltenden Grenzwerten. Um bei verschiedenen Energieformen mit ihren unterschiedlichen Wirkmechanismen eine Vergleichbarkeit zu erzielen, wurden mit so genannten Probit-Beziehungen wissenschaftlich fundierte Berechnungsmethoden herangezogen. Mit diesen lässt sich bei Eintritt eines unerwünschten Ereignisses die Wahrscheinlichkeit einer bestimmten Folge (z.B. Tod) in Abhängigkeit zum Abstand der Gefahrenquelle ermitteln.

Folgen einer Druckwelle

Die Autoren untersuchen im Forschungsvorhaben auf diese Weise die direkten Auswirkungen einer spontanen Energiefreisetzung ausgewählter Anlagenarten. So betrachten sie z.B. im Falle von Druckanlagen die Folgen der Druckwelle und deren Einwirken auf den Menschen, im Falle einer Explosion die Folgen der Druckwelle und der Wärmestrahlung. Weitere Wirkmechanismen (z. B. Trümmerwurf, Gebäudeeinsturz, Auslösung von Kettenreaktionen), die in größerer Entfernung Personen- und Sachschäden hervorrufen können, sind abhängig von der Anlagenart und den Umgebungsbedingungen im Einzelfall zusätzlich zu beurteilen.

Zeitliche Abstände zwischen Prüfungen dürfen nicht zu groß sein

Prüfungen sind ein unverzichtbarer Bestandteil für den Erhalt der Funktionsfähigkeit und Sicherheit einer Anlage. Die über die Lebensdauer einer Anlage zu erhaltenden Eigenschaften eines sicherheitstechnischen Systems der Anlage bleiben nicht bestehen, wenn die zeitlichen Abstände zwischen den Funktionsprüfungen oder die Fehlerwahrscheinlichkeit bei Überprüfung und Instandsetzung zu groß werden. Dieses wurde an Hand einer Modellierung von Funktionsprüfungen und Instandsetzungsvorgängen im Forschungsvorhaben behandelt.

Ergebnisse sollen in Diskussion einfließen

Das Forschungsvorhaben stellt einen Beitrag für die Bewertung technischer Anlagen mit einem hohen Gefährdungspotential dar. Zum Erhalt und zur Fortschreibung des hohen Sicherheitsniveaus in Deutschland sollen die Ergebnisse des TÜV-Forschungsvorhabens in die Diskussion zur Novellierung des Katalogs der überwachungsbedürftigen Anlagen und der Betriebssicherheitsverordnung einfließen.

Literaturhinweis

VdTÜV Schriftenreihe Recht & Technik, Band 18 Ulrich Hauptmanns / Marcus Marx: Kriterien für die Beurteilung von Gefährdungen durch technische Anlagen. Band 18 Ergänzung Ulrich Hauptmanns: Beurteilungskriterien für sicherheitstechnische Prüfungen von Flüssigkeitslagern, zu beziehen bei: Verlag VdTÜV, Friedrichstr. 136, 10117 Berlin, Fax +49 30 760095-401, http://www.vdtuev.de/publikationen/recht_und_technik

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