„Reality and Vision - Common Problems, European Solutions“: 2. Fit-to-Drive-Kongress in Wien

Wien, 14.6.2007. „Reality and Vision - Common Problems, European Solutions“: Unter diesem Motto fand vom 14. bis 15. Juni 2007 in Wien der 2. Fit to Drive-Kongress rund um den Themenkomplex „Fahreignung und Verkehrssicherheit“ statt. Rund 270 Experten aus 36 Nationen waren der Einladung des Verbandes der TÜV e.V. (VdTÜV) gefolgt. Als Vertreter der EU-Kommission nahm Dr. Stefan Tostmann (DG TREN) an der zweitägigen Veranstaltung teil.
270 Experten aus 36 Nationen diskutierten in Wien über Verkehrssicherheit
270 Experten aus 36 Nationen diskutierten in Wien über Verkehrssicherheit

Individuelle Mobilität, d.h. die lebenslange Fähigkeit, am Straßenverkehr teilzunehmen, wird in den europäischen Ländern mit unterschiedlichen Mitteln sichergestellt. Dr. Klaus Brüggemann, Geschäftsführendes Präsidiumsmitglied des VdTÜV (Berlin), mahnte deswegen einen gesamteuropäischen Ansatz an: „Mittlerweile regelt die EU entscheidende Fragen der Verkehrssicherheit auf einer gemeinsamen Grundlage, die permanente Sicherstellung der individuellen Mobilität jedes einzelnen Verkehrsteilnehmers bleibt aber immer noch den Mitgliedstaaten überlassen.“ Gerade in diesem Bereich sei es deswegen notwendig von einander zu lernen. „Wir wollen in Europa ein System der Best Practice“, so Dr. Othmar Thann, Geschäftsführer des KfV (Wien). „Experten aus ganz Europa sind deswegen am gemeinsamen Erfahrungsaustausch beteiligt.“

Beim 2. Fit to Drive-Kongress standen folgende Themen im Mittelpunkt: Primärprävention in Kindergarten und Schule sowie in der Verkehrserziehung und Fahrschule; Generalprävention durch Gesetze, Rechtspflege und Punktesysteme; Sekundärprävention mit besonderem Augenmerk auf Verkehrsteilnehmer mit Alkoholproblemen; Gefährdungsabschätzung in medizinischen und psychologischen Fragen; Eignungsdiagnostik, Rehabilitation und Therapie in den EU-Staaten; Rehabilitation und die Möglichkeiten ihrer Verzahnung; komparative Studien zur Verkehrssicherheit in Europa.

Wien war nach Berlin die zweite Station in einer Serie von Veranstaltungen mit dem Schwerpunkt auf Sicherung individueller Mobilität. Fit to Drive soll Europa dabei unterstützen, die Zahl der Verkehrstoten in der EU bis zum Jahr 2010 auf 25.000 zu halbieren - wie es die EU-Verkehrsministerkonferenz in Dublin im Mai 2004 in der "Road Safety Charter" formuliert hat. Der VdTÜV engagiert sich hier mit insgesamt vier Initiativen.

Alkohol am Steuer: Prävention – bevor es spät ist

Das verantwortungsvolle Verhalten jedes Einzelnen im Straßenverkehr ist die Grundvoraussetzung für ein reibungsloses und sicheres Zusammenspiel in einer mobilen Gesellschaft. Aber die Realität sieht häufig anders aus: Alkohol am Steuer ist ein weltweites Problem und nach einer Studie des European Transport Safety Council eine wesentliche Ursache von 30 Prozent aller tödlichen Unfälle in der EU. „Es muss bereits im Vorfeld verhindert werden, dass Alkohol überhaupt im Verkehrsgeschehen eine Rolle spielt“, erläuterte der VdTÜV-Mobilitätsexperte Dr. Bernhard F. Reiter in Wien. „Unser besonderes Augenmerk liegt daher auf der Primären Prävention.“ Vor allem in der Fahrausbildung sollte die intensive persönliche Auseinandersetzung mit den Einstellungen und Neigungen der Fahranfänger stattfinden. Intensität und Dauer der Fahrausbildung und ebenso die Qualität der Fahrprüfung müssen schnellstmöglich in Europa ein einheitliches, hohes Niveau erreichen, wie es bereits durch erste Schritte in der 3. EU-Führerscheinrichtlinie formuliert ist“ so Dr. Reiter.

Einen weiteren Schwerpunkt legten die Veranstalter des 2. Fit to Drive-Kongresses auf die Sekundäre Prävention: Grundlage hierfür ist zunächst ein funktionierendes Punktesystem, das u.a. in Deutschland, Österreich, Italien, Ungarn und der Tschechischen Republik Anwendung findet. „Alkohol am Steuer“ ist nur ein Faktor, der die individuelle Fahrtüchtigkeit einschränkt. Der Kongress widmet sich auch der Frage, wie bei altersbedingten Einschränkungen die individuelle Fahrtüchtigkeit von Verkehrsteilnehmern erhalten bleibt. Durch spezielle psycho-physische Maßnahmen kann sich ein Mensch bis ins hohe Alter für den Straßenverkehr fit halten, wie die Erfahrungen aus Spanien und Deutschland zeigen.

Keine einheitlichen Standards für die Wiedererteilung der Fahrerlaubnis

Wenn allerdings individuelle Hilfestellungen, Punktesysteme und Rückmeldungen der Fahrerlaubnisbehörden keine Wirkung mehr zeigen, ist die Fahrerlaubnis in Gefahr. Auf der nachfolgenden dritten Präventionsebene fehlen in Europa nach wie vor einheitliche Standards und Kriterien für den Entzug und die mögliche Wiedererteilung der Fahrerlaubnis. Ein künftiges gemeinsames System muss den Gedanken der Reintegration in den Mittelpunkt stellen. Als Beispiele für gelungene Modelle verweisen Dr. Thann und Dr. Brüggemann auf die Praxis in Österreich und Deutschland. Eine bestandene Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU) bedeutet für die betroffenen Autofahrer eine Chance: „An die Stelle einer Bestrafung durch dauerhaften Ausschluss vom Autofahren tritt dabei eine Wiedereingliederung in die mobile Gesellschaft, sofern die betroffenen Autofahrer das Angebot nutzen, ihr problematisches Verhalten in den Griff zu bekommen“, so Dr. Brüggemann.

Die Medizinisch-Psychologische Untersuchung stellt fest, ob der Betroffene Trinken und Fahren verantwortungsbewusst auseinander halten kann – und will. Sie ist dabei eingebettet in ein System von Rehabilitationsangeboten wie z.B. Nachschulungskursen oder Verkehrstherapie. In Deutschland konnte dank dieses Systems die Zahl der MPU-pflichtigen Kraftfahrer zwischen 1993 und 2004 von rund 140.000 auf 100.000 – also um fast ein Drittel – abgesenkt werden. „Österreich geht in dieser Frage sogar noch einen Schritt weiter. Das Gespräch mit dem Verkehrspsychologen ist bei uns bereits fester Bestandteil der sogenannten Zweiten Phase, also der gesetzlich vorgeschriebenen Weiterschulung nach Fahrerlaubniserteilung“, erläuterte Dr. Thann.

Müdigkeit am Steuer: Ein unterschätztes Problem

Der GDV (Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft) hat in einer Untersuchung festgestellt, dass ein Viertel aller tödlichen Unfälle auf Autobahnen auf das „Einschlafen am Steuer“ („Fatigue“) zurück zu führen ist. Rund 60 Prozent von ihnen geschehen bei Dunkelheit. Unter dem Titel „Müdigkeit am Steuer – Eine neue Herausforderung für die Straßenverkehrssicherheit“ vertiefte der 2. Fit to Drive-Kongress dieses Thema . Weitere Schwerpunkte waren u.a. psychologische und medizinische Aspekte bei der Evaluierung der Fahreignung im internationalen Vergleich sowie ein Bericht der EU-Kommission über die 3. EU-Führerscheinrichtlinie.

Wie bereits der 1. Fit to Drive-Kongress, der 2006 in Berlin stattfand, deckte auch die Wiener Tagung eine große Bandbreite an Themen ab. „Die Sicherung individueller Mobilität hat viele psychologische, medizinische und soziologische Facetten“, erläuterte Dr. Reiter. „Zuhören, vergleichen und lernen ist der Grundsatz unseres europäischen Erfahrungsaustausches, der zu den bestmöglichen Lösungen führt.“ Der 3. Fit to Drive-Kongress wird bereits geplant: Er soll 2008 in Prag stattfinden.

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