TÜV-Verband fordert flächendeckende intelligente Verkehrssteuerung

+++ Digitale Technologien für die Verbesserung der Verkehrssicherheit nutzen +++ Technische Sicherheit muss mit der Digitalisierung Schritt halten +++ Schutz schwächerer Verkehrsteilnehmer:innen in den Fokus rücken +++ TÜV-Verband veröffentlicht Positionspapier +++
Straße Kreuzung Verkehr
©Nikita Pishchugin via Unsplash

Der TÜV-Verband hat den Aufbau einer möglichst flächendeckenden intelligenten Verkehrssteuerung in Deutschland gefordert. „Eine intelligente Steuerung der Verkehrsströme auf unseren Straßen erhöht die Verkehrssicherheit, reduziert Staus und mindert negative Umwelteinflüsse wie Lärm und Abgase“, sagte Dr. Joachim Bühler, Geschäftsführer des TÜV-Verbands (VdTÜV). Voraussetzung dafür sei eine gut ausgebaute digitale Infrastruktur entlang der Verkehrswege, insbesondere an Autobahnen, Landstraßen und wichtigen innerstädtischen Verbindungen. Bühler: „Der Aufbau einer flächendeckenden digitalen Verkehrsinfrastruktur könnte im Rahmen des aktuellen Konjunkturprogramms finanziert werden und damit einen Beitrag zur wirtschaftlichen Erholung nach der Corona-Pandemie leisten.“ Bei einer intelligenten Steuerung des Verkehrs werden aktuelle Verkehrsdaten im Minutentakt erfasst und in Echtzeit ausgewertet. Mit Hilfe moderner Datenanalysen könnten mögliche Gefahrenstellen frühzeitig erkannt und entschärft werden. „Die Digitalisierung leistet einen wichtigen Beitrag für die Verkehrssicherheit und eine nachhaltige Mobilität“, betonte Bühler.

Neben der gezielten Nutzung digitaler Technologien fordert der TÜV-Verband in einem aktuellen Positionspapier zusätzliche Maßnahmen gegen gefährliches Fahrverhalten und den konsequenten Schutz schwächerer Verkehrsteilnehmer:innen wie Radfahrer:innen, älterer Menschen und Kinder. „Wir müssen in diesem Jahrzehnt alle Potenziale ausschöpfen, um die Zahl der Getöteten und Schwerverletzten weiter in Richtung Null zu senken“, sagte Bühler. Trotz eines positiven Trends bei den Unfallzahlen sind seit dem Jahr 2010 in Deutschland mehr als 34.000 Menschen im Straßenverkehr tödlich verunglückt, rund 600.000 wurden schwer verletzt. Die Bundesregierung hat angekündigt, für die neue Dekade ein neues Verkehrssicherheitsprogramm 2021-2030 vorzulegen. Mit seinem Positionspapier leistet der TÜV-Verband dazu einen Beitrag.

Nach den Ergebnissen der repräsentativen „TÜV Mobility Studie 2020“ ist die persönliche Sicherheit für die Bundesbürger:innen das wichtigste Kriterium in Bezug auf ihre individuelle Mobilität (50 Prozent). Erst danach folgen die Faktoren Flexibilität bzw. Unabhängigkeit (42 Prozent) und möglichst geringe Kosten (33 Prozent). Laut der Umfrage sind nach Ansicht der Befragten die drei drängendsten Maßnahmen für eine Verbesserung der Verkehrssicherheit der Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs (33 Prozent), eine bessere Sicherung des Radverkehrs (32 Prozent) und die Einführung oder Ausweitung von Tempolimits (25 Prozent). Dicht dahinter folgen strengere Strafen bei Verkehrsverstößen (24 Prozent) und zusätzliche Maßnahmen gegen Alkoholmissbrauch im Straßenverkehr (22 Prozent). Für die Studie wurden 1.000 Personen ab 16 Jahren befragt.

Digitalisierung spielt Schlüsselrolle für Verkehrssicherheit

Aus Sicht des TÜV-Verbands sind digitale Technologien ein Schlüssel für die Verbesserung der Verkehrssicherheit. „Viele Gefahren des Straßenverkehrs lassen sich mit intelligenten technischen Lösungen vollständig vermeiden oder zumindest stark reduzieren“, sagte Bühler. Digitale Technik mache es möglich, Fahrzeuge, Personen und ihre Umgebung miteinander zu vernetzen. Verkehrsteilnehmer:innen können individuell über Verbindungen, Staus und Störungen informiert werden und der Straßenverkehr kann effizienter und sicherer gelenkt werden. Datenanalysen mit Künstlicher Intelligenz helfen dabei, mögliche Gefahrenstellen frühzeitig zu identifizieren und zu entschärfen. Zentrale Voraussetzung für vernetzte Fahrzeugtechnik, intelligente Straßeninfrastruktur und smarte Verkehrslenkung ist der zügige Ausbau der digitalen Infrastrukturen mit modernen Breitbandnetzen entlang der Verkehrswege. Bühler: „Deutschland muss die Möglichkeiten digitaler Technologien und Künstlicher Intelligenz für die Verkehrssicherheit bestmöglich ausschöpfen. Ohne sie wird die Realisierung der ‚Vision Zero‘ nicht möglich sein.“

Darüber hinaus müssen die technischen Sicherheitsprüfungen mit der Digitalisierung der Fahrzeuge und der Infrastruktur Schritt halten. „Sicherheitskritische Systeme mit Künstlicher Intelligenz müssen im Rahmen der Typgenehmigung von unabhängigen Stellen geprüft werden, bevor die Fahrzeuge auf den Markt kommen“, betonte Bühler. Software-Updates mit Einfluss auf sicherheitsrelevante Eigenschaften der Fahrzeuge müssten auch im laufenden Betrieb überwacht werden. Geklärt werden muss zudem, unter welchen Voraussetzungen Prüforganisationen und andere Interessengruppen wie Versicherer auf Fahrzeugdaten zugreifen können. Der TÜV-Verband schlägt dafür die Einrichtung neutraler TrustCenter vor, die im Namen der zuständigen Behörden die Zugriffrechte datenschutzkonform verwalten.

Hoher Handlungsbedarf bei gefährlichem Fahrverhalten

Der TÜV-Verband fordert ein entschiedeneres Vorgehen gegen gefährliches Fahrverhalten. Als Verkehrsgefährder:innen gelten Fahrer:innen, die bewusst Verkehrsverstöße begehen oder die sich unter Alkohol- oder Drogeneinfluss hinters Steuer setzen. Verpflichtende Fahreignungsseminare und Medizinisch-Psychologische Untersuchungen (MPU) unterstützen auffällig gewordene Autofahrer:innen dabei, ihr Fahrverhalten zu ändern. Der TÜV-Verband fordert verpflichtende Fahreignungsseminare für Personen, die wegen Verkehrsverstößen bereits 6 oder 7 Punkte im Fahreignungsregister in Flensburg gesammelt haben. Bei einer erfolgreichen Teilnahme könnten sie ihren Punktestand reduzieren.

Schutz schwächerer Verkehrsteilnehmer:innen nicht verhandelbar

Kinder, ältere Menschen, Fußgänger:innen und Radfahrer:innen sind im stetig anwachsenden Fahrzeugverkehr großen Gefahren ausgesetzt. Fokus des Verkehrssicherheitsprogramms 2021-2030 muss daher der wirksame und vorausschauende Schutz schwächerer Verkehrsteilnehmer:innen sein. Die Verkehrsplanung muss sich am Leitbild „Vision Zero“ ausrichten und Straßenverkehr muss so sicher und fehlerverzeihend gestaltet werden, dass schwere oder gar tödliche Unfälle vermieden werden. Eine sichere und selbsterklärende Infrastruktur mit sicheren Querungsmöglichkeiten hilft allen Menschen, unabhängig vom Alter. Der Ausbau der Infrastruktur mit einem durchgängigen Radverkehrsnetz, das flächendeckend und in hoher Qualität vorhanden ist, schafft direkte Verbindungen und fördert so einen leichten, sicheren und flüssigen Radverkehr.

Die vom TÜV-Verband geforderten Maßnahmen stehen für einen ganzheitlichen Ansatz der Verkehrssicherheitsarbeit und berücksichtigen die Modernisierung der Infrastruktur, die technische Sicherheit von Fahrzeugen und das Verhalten der Verkerhsteilnehmer:innen. Bühler: „Die Verbesserung der Verkehrssicherheit ist eine gesellschaftliche Querschnittsaufgabe, die eine koordinierte Zusammenarbeit von EU, Bund, Ländern und Kommunen erfordert. Es bedarf gemeinsamer Anstrengungen aller Akteure, um das Leben und die Gesundheit der Verkehrsteilnehmer besser zu schützen.“

Methodik-Hinweis: Grundlage der Angaben ist eine repräsentative Umfrage der Ipsos GmbH im Auftrag des TÜV-Verbands unter 1.000 Personen zwischen 16 und 75 Jahren. Die vollständigen Ergebnisse der „TÜV Mobility Studie 2020“ stehen zum Download bereit unter: www.vdtuev.de/news/mobility-studie/.

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