Nach 4. Sachverständigentag: Verkehrsexperten ziehen Bilanz

Fazit und Ausblick: Zum Abschluss des erfolgreichen 4. Sachverständigentages am 2. März 2010 moderierte Prof. Dr. Claus Wolff eine Diskussionsrunde der drei Sektionsleiter des Kongresses. Als Gast war zudem DVR-Präsident Dr. Walter Eichendorf dabei.
Abschlussdiskussion beim 4. Sachverständigentag (v.l.): Dr. Walter Eichendorf, Renate Bartelt-Lehrfeld, Prof. Dr. Claus Wolff, Prof. Dr. Klaus Langwieder und Bernd Lehming. (Foto: Rosenthal/VdTÜV)
Abschlussdiskussion beim 4. Sachverständigentag (v.l.): Dr. Walter Eichendorf, Renate Bartelt-Lehrfeld, Prof. Dr. Claus Wolff, Prof. Dr. Klaus Langwieder und Bernd Lehming. (Foto: Rosenthal/VdTÜV)

Am 1. und 2. März veranstaltete der Verband der TÜV e.V. den 4. Sachverständigentag. In Berlin trafen sich rund 500 Verkehrssicherheits-Experten von TÜV NORD, TÜV SÜD, TÜV Thüringen, TÜV Rheinland und DEKRA, um in einem breit angelegten Erfahrungsaustausch über die Herausforderungen der mobilen Gesellschaft zu beraten. Das Motto des Sachverständigentages lautete „Mensch, Fahrzeug, Umwelt: Wege zu einer sicheren und nachhaltigen Mobilität.“ An den Diskussionen nehmen auch namhafte Vertreter aus Wissenschaft, Industrie und Politik teil.

Alle Infos online

In einer kurzen Fassung präsentieren wir hier die Ergebnisse der abschließenden Diskussionsrunde. Eine ausführliche Übersicht finden Sie im Anhang. Die Präsentationen der einzelnen Vorträge sind ebenfalls online: http://www.sachverstaendigentag21.de/publikationen/index.html

Kurze Zusammenfassung

Die Leiter der drei Sektionen waren:

Sektion I "Mensch": Renate Bartelt-Lehrfeld, Regierungsdirektorin im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung

Sektion II "Fahrzeug": Prof. Dr. Klaus Langwieder, Geschäftsführer der International Safety Consulting

Sektion III "Umwelt": Bernd Lehming von der Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz des Landes Berlin

Sektion I "Mensch"

Der Mensch, so Bartelt-Lehrfeld, stehe im Mittelpunkt des Verkehrsgeschehens. Die Organisatoren des Sachverständigentages haben ihm daher einen breiten Raum im Programmablauf eingeräumt. Handlungsbedarf in der EU bestehe unter anderem in der Harmonisierung von Verfahren, die zu einem verantwortungsvollen Fahrverhalten führen. Eine wichtige Empfehlung in Richtung Politik ist daher die Einführung eines MPU-Systems in ganz Europa.

Hohes Niveau

Ein weiteres wichtiges europäisches Thema war die Umsetzung der 3. EU-Führerscheinrichtlinie bis zum 19.01.2013. Erfreulich sei, so Bartelt-Lehrfeld, dass bei den Anforderungen an die Prüfer am hohen deutschen Niveau festgehalten werden kann. Das duale System, also die strikte Trennung zwischen Fahrausbildung und Fahrprüfung, bleibt bestehen.

Drogen im Straßenverkehr sind ein großes Problem

Ein weiterer Schwerpunkt in der Sektion I war die Rolle von Drogenkonsum im Straßenverkehr. Erschreckend seien die neuesten Erkenntnisse über das Fahren unter Drogeneinfluss, berichtet Bartelt-Lehrfeld. Während die Zahl der Verkehrsunfälle von 1997 bis 2006 um 12 Prozent abgenommen hat, sind im gleichen Zeitraum die Zahlen der drogenbedingten Unfälle um 125 Prozent angestiegen.

Sektion II "Fahrzeug"

Prof. Dr. Klaus Langwieder moderierte die zweite Sektion, die unter dem Motto: „Fahrzeug – Sicherheit über das gesamte Autoleben“ stand. Er prognostizierte in der Abschlussdiskussion einen „Quantensprung“ bis zum Jahr 2020 in der Entwicklung der Fahrzeugelektronik. In Bezug auf die Sicherheitsphilosophie werde ein integriertes Sicherheitssystem an Bedeutung gewinnen, das die bislang getrennten aktiven und passiven Sicherheitssysteme umfassen wird. Prof. Langwieder betonte, dass die Einbeziehung der elektronischen Systeme in die periodische Fahrzeugüberwachung auch europaweit ein „Muss“ sie.

Prüffristen sollen auf europäischer Ebene festgelegt werden

Als weiteren Ansatz bei der Fahrzeugsicherheit, der künftig eine wichtige Rolle spielen müsse, nannte Prof. Langwieder die „continuous compliance“. Dahinter verbirgt sich die Herausforderung, wie ein Fahrzeug über seinen gesamten Lebenszyklus hinweg auf dem Sicherheitsniveau seines „Geburtszustandes“ gehalten werden kann. Eindeutig positiv auf die Sicherheit von Fahrzeugen wirke sich eine Verkürzung von Prüffristen aus. Studien in Österreich hätten ergeben, dass eine Verlängerung von Prüffristen eindeutig zu einer Verschlechterung des technischen Zustandes führt. Prof. Langwieder appellierte daher, zumindest bei älteren Fahrzeugen das Prüfintervall auf ein Jahr zu verkürzen. Allerdings müsse dies auf europäischer Ebene festgelegt werden.

Sektion III "Umwelt"

Bernd Lehming von der Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz des Landes Berlin leitete die dritte Sektion. Angesichts der technischen Innovationen im Fahrzeugbau sei es durchaus realistisch, dass künftig Automobilität und Umweltschutz kein Widerspruch seien. Von Seiten der Politik sah Lehming aber noch Handlungsbedarf. Zum Beispiel bei der Diesel-AU: Neue Prüfwerte und neue Messverfahren müssen die Lücke schließen, die zwischen den europäisch definierten Grenzwerten und den realen Prüfmöglichkeiten im Rahmen der periodischen Fahrzeugüberwachung entstanden ist.

Herausforderung: CO2-Minderung wird kompensiert

Laut Lehming sei die Wirkung der im Land Berlin eingerichteten Umweltzonen nachweisbar, die Belastung durch Feinstaub sei im messbaren Bereich zurückgegangen. Als besondere Herausforderung hob Lehming die Tatsache hervor, dass die Fahrleistung der Gesamtflotte insbesondere durch einen wachsenden Fahrzeugbestand ansteigen und dadurch die erreichte CO2-Minderung wieder kompensiert werde. Deswegen sei es unerlässlich, alle zusätzlichen Potenziale zur CO2-Reduktion auszuschöpfen.

Drei wesentliche Risikofaktoren

Der Präsident des Deutschen Verkehrssicherheitsrates, Dr. Walter Eichendorf, nahm als Gast an der Abschlussrunde teil. Er hob hervor, dass Mobilität nur dann akzeptiert werde, wenn sie sicher und nachhaltig ist. Deshalb könne er das Motto des Sachverständigentages voll unterstützen. Nach dem Grundgesetz hat jeder Bürger das Recht auf körperliche Unversehrtheit, betonte Dr. Eichendorf. Aus Sicht des DVR gibt es in Bezug auf den Menschen im Straßenverkehr drei wesentliche Risikofaktoren: Junge Fahrer, Landstraße und motorisierte Zweiräder.

Einheitliche Regelungen in Europa

Eine europaweite MPU wird vom DVR unterstützt. Darüber hinaus forderte Dr. Eichendorf eine Vereinheitlichung der Verkehrsregeln und Verkehrszeichen in Europa. Zumindest müssten in ganz Europa einheitliche Mindeststandards gelten.