Klimaschutz: TÜV- und DEKRA-Experten empfehlen eine Optimierung der Abgasuntersuchung/ Digitalisierung und Internet erfordern neue Sicherheitskonzepte/ Sachverständigentag 2015 in Berlin

Die Experten von TÜV und DEKRA empfehlen für alle Fahrzeuge die Abgaskontrolle am Auspuff. Der Grund: Neueste Studien belegen eindeutig, dass bei derzeitiger Technik die Bordelektronik allein nicht zuverlässig alle Werte liefern kann und durch eine echte Messung ergänzt werden sollte. Nach den geltenden Vorschriften wird bei Fahrzeugen ab Baujahr 2006 auf die früher übliche Abgaskontrolle am Auspuff verzichtet.
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Sachverständigentag (SVT)

Die Folge: Bei fast einer Million Fahrzeuge in Deutschland liegen die Emissionen – trotz gültiger Prüfplakette – erheblich über den zulässigen Grenzwerten, kritisierten die Experten im Rahmen des gemeinsamen Sachverständigentages 2015, der am 16. und 17.3.2015 in Berlin stattfindet. „Das Potential für mehr Klimaschutz könnte mit einer wirksameren Abgasuntersuchung wesentlich besser ausgeschöpft werden“, erläuterte Prof. Dr.-Ing. Jürgen Brauckmann, Vorsitzender der VdTÜV-Kommission Verkehrswesen.

Eine effektive Abgasuntersuchung setzt eine optimale Fehlererkennung voraus – am besten in einer Kombination beider Prüfverfahren. Ganz aktuell kommt eine Studie der VdTÜV Projektgemeinschaft „Emission Check 2020“, bei der 1.750 Fahrzeuge im Rahmen der AU untersucht wurden, zu dem Ergebnis, dass bei ausschließlicher Prüfung auf Basis der elektronischen „On-Bord-Diagnose“ (OBD) bei lediglich 1,9 Prozent der Fahrzeuge Fehler festgestellt wurden. Bei kombinierter Kontrolle von Auspuffmessung plus OBD stieg die Mängel-Quote deutlich - auf 7,1 Prozent aller Fahrzeuge. „Das zeigt, dass sich beide Verfahren optimal ergänzen“, so Brauckmann, „Eine effizientere  Abgasuntersuchung wäre sicher eine bessere Maßnahme für den Klima- und Umweltschutz, als pauschale Fahrverbote“.

Auf dem 6. Sachverständigentag seit 2004 diskutieren in diesem Jahr wieder rund 500 führende Experten von DEKRA und TÜV sowie aus Wissenschaft, Industrie und Politik über die Konsequenzen der zunehmend mobilen Gesellschaft. In den drei Sektionen „Mensch, Fahrzeug und Umwelt“ geht es um mehr Verkehrssicherheit sowie besseren Verbraucher- und Umweltschutz, unter anderem durch neue Fahrzeugtechnologien, wie beispielsweise Elektromobilität und Fahrassistenz-Systeme. Im Mittelpunkt der diesjährigen Tagung stehen die Chancen und Risiken der rasant beschleunigten Digitalisierung und Vernetzung.

„Das Internet führt auch im Bereich Mobilität zu dramatischen Umwälzungen“, betont Dr.-Ing. Gerd Neumann, Geschäftsführer der DEKRA Automobil GmbH. Zunehmend automatisierte Kfz-Technologien stellten immer höhere Anforderungen an die Sicherheit und den Schutz der Menschen, die sie nutzen. Gerade das sei die Kernkompetenz der Sachverständigen von DEKRA und TÜV. Neumann: „Je rascher sich die neuen Technologien ausbreiten, desto größer wird die Bedeutung unabhängiger und neutraler Prüfung und Beurteilung durch unsere hochqualifizierten Experten - nicht zuletzt, um auch in Zukunft eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung und das nötige Vertrauen in neue Technologien sicher zu stellen.“

Nach Ansicht der TÜV- und DEKRA-Sachverständigen sieht sich die Mobilitätsbranche hierzulande mit drei hochdynamischen Entwicklungen konfrontiert: Erstens verändert das Internet radikal die globalen Produktionsprozesse und Wertschöpfungsketten in der gesamten Automobil- und Zulieferindustrie – eine der wichtigsten Branchen in Deutschland. Zweitens erobern intelligente Fahrzeugsysteme zunehmend Aufgaben, die bislang dem Menschen vorbehalten waren, darunter Einparken und  Abstand halten - absehbarer Zeit sogar das komplett automatisierte Fahren. Und drittens schließlich: Zur Erreichung der CO2-Ziele wird die Politik die Entwicklung der Elektro-Mobilität weiter vorantreiben, wobei die konventionellen Antriebskonzepte voraussichtlich noch über einen langen Zeitraum hinweg parallel existieren werden.

Ein zentrales Anliegen der Sachverständigen ist die „Vision Zero“. Um dem Ziel weiter näher zu kommen, die Zahl der Toten im Straßenverkehr vollständig auf Null zu reduzieren, richtet der Sachverständigentag klare Botschaften an den Gesetzgeber in Berlin und Brüssel:

  • Die technische Sicherheit muss durch regelmäßige Prüfungen im Rahmen der Hauptuntersuchung über den gesamten Lebenszyklus eines Fahrzeugs gewährleistet werden. Dabei müssen sowohl die Typprüfungen von Fahrzeugen als auch die periodische Überwachung in der Hand unabhängiger Sachverständiger bleiben.
  • Nach wie vor ist das Unfallrisiko junger Fahrerinnen und Fahrer mehrfach erhöht. Dringend geboten ist deshalb die Intensivierung und Optimierung der Fahrausbildung und der Fahrerlaubnisprüfung mit dem Ziel der weiteren Verbesserung der Fähigkeiten zur Verkehrswahrnehmung und Gefahrenvermeidung.
  • Zur effektiven und effizienten Integration der Prüfung immer komplexer werdender elektronisch geregelter Sicherheitsfunktionen sollten die dafür notwendige Anforderungen in der HU bereits während der Fahrzeug-Homologation erarbeitet und validiert werden. Die Nutzung der elektronischen Fahrzeugschnittstelle für die Vorgabenprüfung ab 2015 stellt einen wichtigen Schritt zur Modernisierung der periodischen Fahrzeugüberwachung dar.
  • Datenschutz und Datensicherheit bekommen im Straßenverkehr einen höheren Stellenwert. Die digitale Vernetzung ist für die Automobilindustrie eine größere Herausforderung als die Entwicklung von Elektrofahrzeugen. Denn damit ergeben sich ganz neue Datenschutzprobleme, die eng mit dem Grundrechtsschutz und dem Verbraucherschutz verbunden sind. Entsprechend erfordern die neuen Digital-Technologien die kontinuierliche Weiterentwicklung von Prüfkonzepten und -Technologien. Im Rahmen technischer Standards, zum Beispiel der Fahrzeuggenehmigung, sind auch technische Standards für Datenschutz und Datensicherheit einzuführen und deren Einhaltung bei der HU regelmäßig zu überprüfen.


Das vollständige Programm des 6. Sachverständigentages am 16. und 17. März in Berlin findet sich im Internet unter: http://www.vdtuev.de/sachverstaendigentag/programm-svt