Fachkolloquium Elektromobilität in Berlin

Der Einladung des VdTÜV e.V. und DEKRA zu einem gemeinsamen Fachkolloquium Elektromobilität mit dem Titel „Grundlagen, Kompetenzen und Herausforderungen für die Technischen Prüfstellen und Technischen Dienste“ folgten am 11. März 2013 annähernd 70 Sachverständige und Prüfingenieure. Das Kolloquium, das in der Landesvertretung Rheinland-Pfalz beim Bund in Berlin stattfand, wurde vom Vorstandsmitglied der TÜV Rheinland AG, Dr. Thomas Aubel, und dem Geschäftsführer der DEKRA Automobil GmbH, Dr. Gerd Neumann, begrüßt.
Elektromobilität E-Auto EMO
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Notwendigkeit alternativer Antriebskonzepte

Im Fokus standen Praxisberichte, die den Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen realistischen Einblick in den Qualifizierungsbedarf und die Geschäftsfeldplanungen der TÜV-Gesellschaften und DEKRA gaben. Die Referenten berichteten über ihre Erfahrungen und zeigten dabei Erfolgsfaktoren für die unabhängige Prüf- und Sachverständigendienstleistungsbranche im Bereich der Elektromobilität sowie die Umsetzung im Markt auf. Die Elfenbeindiskussionen der vergangenen Jahre sind allmählich abgeklungen. Immer mehr Fahrzeuge mit einem elektrischen Antriebsstrang fahren auf unseren Straßen, und das weltweit. Frank Ramowsky, Head of eMobility TÜV Rheinland AG, lieferte in seinem Vortrag mit einer Begriffserklärung zur Elektromobilität und einer klaren Aussage zur Frage, weshalb sich TÜV und DEKRA mit ihr beschäftigen, die Grundlage für das gemeinsame Kolloquium. Laut KBA-Statistik waren in Deutschland Ende 2012 bereits über 5.000 elektrisch angetriebene Fahrzeuge angemeldet, Tendenz steigend. Heiko Mertens, VW AG, unterstrich daher, dass das Ziel aller Bemühungen sein muss, Sicherheit auf einem hohen, international harmonisierten Niveau zu gewährleisten, um der Elektromobilität zu einer breiten Marktakzeptanz zu verhelfen.

Die Entwicklung der Elektromobilität wird von zwei gesellschaftlichen Strömungen vorangetrieben, auf die dringend reagiert werden muss. Volker Blandow, Global Head of eMobility TÜV SÜD AG, machte in seinem Beitrag deutlich, dass zum einen das Bewusstsein wächst, dass die globalen Ölreserven begrenzt sind, und als Konsequenz daraus mit einem Anstieg bei den Ölpreisen zu rechnen ist, resultierend aus der weltweiten Verknappung der Ressourcen. Damit verbunden steht Megafaktor 2 für ein Umdenken der Mobilitätsgewohnheiten: die steigende Nachfrage nach Automobilen weltweit. Hierbei insbesondere in den Schwellenländern, in denen das größte Absatzpotential besteht.

Elektromobilität braucht einen interdisziplinären Ansatz

Die Technischen Dienste und Prüfstellen von TÜV und DEKRA sind ein wichtiger Bestandteil dieses Transformationsprozesses der Mobilität. Zum einen wurde auf der Tagung deutlich, dass die klassischen Geschäftsfelder „Mobilität & Fahrzeug“, „Industrieservices“ und „Bildung“ immer stärker zusammenrücken, während gleichzeitig neue Dienstleistungsangebote für die Kunden entwickelt werden, wie dies Werner Leistner, DEKRA Testing und Certification GmbH, am Beispiel der Zertifizierung von Ladesäulen veranschaulichte. In diesem Zusammenhang verwies Dr. Dietrich Graf, technischer Geschäftsführer der Vattenfall Europe Netzservice GmbH, auf die mit 15.000 EUR hohen Kosten für die Ladesäulen sowie die segmentierte Wertschöpfungskette bei der Energieversorgung, die die flächendeckende Inbetriebnahme von Ladesäulen für Elektrofahrzeuge als eher limitierten Business Case für die Energieversorger erscheinen lässt. Zum anderen müssen Hersteller und Zulieferer der Industrien für Automobile und Ladeinfrastruktur ihre Produktentstehungsprozesse über den gesamten Lebenszyklus anpassen. Als Konsequenz investieren die TÜV-Gesellschaften und DEKRA nicht nur Millionen von Euro in weitere Prüfeinrichtungen für Batterien, sondern erweitern ihr Dienstleistungsportfolio um beispielsweise eine fahrzeugbezogene Risikoeinschätzung, Dienstleistungen zur funktionalen Sicherheit, EMV-Prüfungen an Elektrofahrzeugen sowie die Homologation von Komponenten und E-Fahrzeugen durch die Technischen Dienste. Dazu gehört ebenfalls die Anpassung bzw. Änderung von Prüfpunkten bei der Hauptuntersuchung, wie dies Julian Zwick, TÜV SÜD Auto Service GmbH, herausstellte. Technische Dienste wickeln darüber hinaus auch die Typgenehmigung für Europa ab und unterstützten mit einem Netzwerk das Genehmigungsverfahren in allen Wachstumsmärkten weltweit.

Internationaler Ansatz als Basis zum Erfolg

Der Schlüssel für den Erfolg der Elektromobilität liegt in der Batterietechnologie. Sowohl das TÜV SÜD Battery Testing Center in Garching als auch TÜV Rheinland haben hierbei eine enorme technologische Kompetenz aufgebaut. Im Fall von TÜV SÜD sogar in Form eines global agierenden Prüflabornetzwerkes. Stephan Scheuer, TÜV Rheinland AG, trat in seinem Beitrag dafür ein, dass die Forschung und Entwicklung zur Standardisierung von Batterietestverfahren für gealterte, verbrauchte und defekte Batterien vorangetrieben werden muss. Darüber hinaus sollten Batterietests in die Gesamtqualifikation der Elektrofahrzeuge integriert werden.

Die Hersteller von Fahrzeugen, Batteriesystem oder Ladesäulen wissen, dass ihre Produkte für einen weltweiten Absatzmarkt produziert werden. Von entscheidender Bedeutung ist dabei das Wissen um die verbindlichen regulativen Anforderungen in den zu beliefernden Ländern. Meist sind es unsere Prüf- und Sachverständigendienstleister, die aufgrund ihrer Erfahrungen als akkreditierte Prüfstellen in Europa, Asien und Amerika sowie ihrer aktiven Mitarbeit in den Standardisierungsgremien unter anderem von ISO, UN ECE oder IEC dieses Wissen parat haben und somit entscheidende Gesprächspartner sind. Jürgen Gerlach, TÜV Rheinland Kraftfahrt GmbH, und Herr Jürgen Wolz, TP-Leiter für den Kfz-Verkehr in Bayern, konzentrierten sich in ihrem Beitrag auf das VdTÜV-Merkblatt 764 für die Einzelgenehmigungsbegutachtungen von Einzelfahrzeugen, die mit Elektro- bzw. Elektrohybridantrieb ausgerüstet sind. Grundlagen des Merkblatts sind dabei die StVZO, sowie UN-Regelungen, EG-Ratsrichtlinien und EG-Verordnungen in der jeweiligen gültigen Fassung. Das VdTÜV-Merkblatt wird momentan fortgeschrieben, Änderungs- und Anpassungsbedarf nimmt die Geschäftsstelle beim VdTÜV e.V. gern entgegen.

Sicherheit durch Qualifizierung

Der Umstieg vom Verbrennungsmotor zur Elektromobilität braucht nicht nur die Entwicklung einer passenden Infrastruktur, leistungsstarker Batteriesysteme oder neuer Fahrzeugkonzepte. Lars Eulitz, TÜV NORD Bildung GmbH, arbeitete in seinem Beitrag heraus, dass mit einer nachhaltigen Umsetzung der neuen Technologie immer auch die Qualifizierung von Personal verbunden sein muss. Mit zunehmender Verbreitung und steigendem Alter der Hybrid- und Elektrofahrzeuge auf deutschen Straßen und der zwangsläufigen Änderungen in der gesetzlich vorgeschriebenen Hauptuntersuchung werden die Technischen Prüfstellen und Dienste mit der Hochvolttechnik konfrontiert sein. Die Sachverständigen und Prüfingenieure müssen künftig spezifische sicherheitsrelevante Mängel und Manipulationen an Elektrofahrzeugen eindeutig erkennen können. Eines der zentralen Probleme bei der Markteinführung von Elektrofahrzeugen ist daher die adäquate Qualifizierung der entsprechenden Fachkräfte und Spezialisten. Professor Alex Lechleuthner, Leiter des Instituts für Notfallmedizin in Köln, verstärkte mit seinem Vortrag zu den zu erfüllenden Anforderungen und Gefahren durch die Hoch-Volttechnik für Rettungskräfte und Insassen das Plädoyer von Eulitz: „Wir müssen mit der Industrie im Dialog bleiben, damit sich Rettungskräfte besser schützen können, Verletzungen behandelt werden können und sicherheitsrelevante Weiterentwicklungen möglich werden.“

Der Vertreter des Bundesverkehrsministeriums, Unterabteilungsleiter Klima- und Umweltschutzpolitik Dirk Inger, resümierte das Kolloquium mit seinem Überblick zur Mobilitäts- und Kraftstoffstrategie der Bundesregierung und zum Regierungsprogramm Elektromobilität. VdTÜV e.V. unterstützt die Ziele des Regierungsprogramms in vollem Umfang. Zunächst im Kontext seiner Mitarbeit in der Nationalen Plattform Elektromobilität für eine internationale Harmonisierung von Normen, Standards und Zertifizierungen. Zweitens durch seine Beteiligung als Projektträger „Elektromobilität für soziale Dienste“ im Internationalen Schaufenster Elektromobilität Berlin/Brandenburg.

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