Anreize für „elektronische Schutzengel“ gefordert

2. Sachverständigentag von VdTÜV und DEKRA am 11. und 12. September 2006 in Berlin / Anreize für „elektronische Schutzengel“ gefordert / Autofahrer müssen sich auf Sicherheit verlassen können

Berlin, 11.09.2006. Fahrerassistenzsysteme und ihr Beitrag zur Verkehrssicherheit stehen im Mittelpunkt des 2. Sachverständigentages, der vom Verband der TÜV gemeinsam mit DEKRA in Berlin ausgerichtet wird. Etwa 400 Experten für Straßenverkehrssicherheit beraten am 11. und 12. September unter dem Motto „Zwischen Mensch und Technik: Fahrerassistenzsysteme in der Diskussion“ die neuesten Entwicklungen der Fahrzeugtechnologie. „Autofahrer müssen sich in jeder Situation hundertprozentig auf die Sicherheit ihres Fahrzeuges verlassen können“, erläutert Dipl.-Kfm. Klaus Schmidt, Vorsitzender der Vorstände DEKRA e.V./DEKRA AG, „deshalb müssen Fahrerassistenzsysteme über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg durch unabhängige Sachverständige begleitet werden.“ Dr. Guido Rettig, Mitglied des VdTÜV-Präsidiums und Vorstandsvorsitzender der TÜV NORD AG, betont, dass mit Fahrerassistenzsystemen die Politik der europäischen Verkehrssicherheit unterstützt werde. „Wenn wir bis zum Jahr 2010 die Zahl der Verkehrstoten halbieren wollen, müssen wir jedes vernünftige Mittel einsetzen“, so Dr. Rettig, „Das setzt aber voraus, dass die Technik funktioniert und der Mensch mit ihr umgehen kann.“

Die Experten sind sich einig, dass durch den verstärkten Einsatz intelligenter Fahrerassistenten die Verkehrssicherheit in Europa erhöht werden kann und Tausende von Verkehrsunfallopfern vermieden werden könnten. Auch sollten die Autofahrer im Rahmen der Fahrausbildung über die Sicherheitspotenziale der Fahrerassistenten besser aufgeklärt werden und mehr Anreize für Investitionen in moderne Fahrerassistenzsysteme geschaffen werden, so die Forderung der großen Sachverständigen-Organisationen DEKRA AG, TÜV Hessen, TÜV NORD AG, TÜV Rheinland Group, TÜV Saarland, TÜV SÜD AG und TÜV Thüringen.

EU-Charta

Die Sachverständigen-Organisationen fühlen sich dem Aktionsprogramm der EU-Charta zur Verkehrssicherheit verpflichtet, die das Ziel verfolgt, in der Europäischen Union bis zum Jahr 2010 die Zahl der Getöteten im Straßenverkehr zu halbieren und damit künftig 25.000 Leben pro Jahr zu retten. Verkehrsunfälle sind derzeit noch die Haupttodesursache bei den unter 50-Jährigen. Darüber hinaus kommen immer noch jedes Jahr über 440.000 Menschen im Straßenverkehr zu Schaden, über 80.000 werden schwer verletzt. Die Zahl der Verkehrunfälle liegt in Deutschland seit Jahren konstant bei etwa 2,3 Millionen. DEKRA und TÜV sehen es daher als vorrangige Aufgabe an, durch ihren Beitrag die Verkehrssicherheit auf den europäischen Straßen zu verbessern. Aus Sicht der Sachverständigen müssen dafür vor allem die technologischen Möglichkeiten von Fahrerassistenzsystemen intensiver genutzt werden.

Assistenzsysteme

Fahrerassistenzsysteme sind aus den modernen Fahrzeugen nicht mehr wegzudenken. Seit ihren Anfängen mit der Entwicklung des elektronischen Antiblockier-Systems im Jahr 1978 haben sie dazu beigetragen, die Zahl der tödlichen Unfälle zu senken. Bereits ein Drittel der gesamten Produktionskosten eines Automobils entfällt heute auf elektronikgestützte Bauteile, bei denen es sich zum großen Teil um Fahrerassistenzsysteme handelt.

Gerade durch den stärkeren Einsatz der intelligenten Fahrerassistenten könnten die Unfallzahlen deutlich reduziert werden. Systeme wie das elektronische Stabilitäts-Programm ESP, der Bremsassistent oder die automatische Abstandsregelung ACC gehören zu den aktiven Sicherheitssystemen, die nicht erst beim Eintreten eines Unfalls, sondern bereits in kritischen Fahrsituationen, bei Bremsungen und Schleudern, wirksam werden und somit ein hohes Potenzial für die Unfallvermeidung besitzen.

Schleudern

Nach einer Untersuchung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) werden ein Viertel der Schwerverletzten und rund 60 Prozent aller Unfälle mit Todesfolge durch das Schleudern des Fahrzeuges verursacht. Allein der flächendeckende Einsatz des Schleuderschutzes ESP könnte den Anteil folgenschwerer Unfälle um 30 bis 40 Prozent reduzieren. Die Sachverständigen sprechen sich dafür aus, die Marktdurchdringung bei Neufahrzeugen von derzeit 40 Prozent in Europa (Deutschland: 72 Prozent) möglichst rasch auf 100 Prozent zu steigern.

Auffahrunfälle

Durch den Einsatz von Assistenzsystemen wäre es auch möglich, die Anzahl der Auffahrunfälle massiv herabzusetzen. So könnten 65 Prozent der Auffahrunfälle und fast ein Drittel der Frontalkollisionen vermieden werden, wenn der Fahrer auch nur eine halbe Sekunde früher bremsen würde. Ein elektronischer Bremsassistent kann dem Fahrer in Notfällen selbst bei eingeschränkter Sicht helfen, schneller die volle Bremswirkung zu erzielen und so Unfälle zu vermeiden oder die Unfallfolgen abzumildern.

Nutzfahrzeuge

Wie aktuelle Crashtests von DEKRA zeigen, ist der Sicherheitsgewinn bei Unfällen mit Nutzfahrzeugen besonders hoch. Je höher die Masse des unfallbeteiligten Fahrzeuges, desto geringer die Überlebenschancen der schwächeren Verkehrsteilnehmer. Die Ausstattung mit ESP würde die Anzahl der Unfälle mit Lastwagen oder Kleintransportern um 9 bis 20 Prozent reduzieren. Systeme mit Radarsensoren könnten sogar 60 Prozent der schweren Auffahrunfälle mit Lkw verhindern. Nach einer Studie der DEKRA Unfallforschung könnten auf diese Weise jährlich rund 325 Menschenleben gerettet und ein volkswirtschaftlicher Schaden von 385 Millionen Euro vermieden werden. Trotz des hohen Sicherheitspotenzials sind aber erst rund sechs Prozent der neu zugelassenen Nutzfahrzeuge überhaupt mit Assistenzsystemen ausgerüstet.

Anreize schaffen

Die beste Sicherheitstechnik nützt nichts, wenn sie nicht auf die Straße kommt, betonen die Sachverständigen. Ein Beispiel für einen gelungenen Ansatz, der den Kunden sogar Wettbewerbsvorteile verschafft, ist das Zertifikat „Sicherer Busbetrieb“, das von den TÜV und DEKRA gemeinsam entwickelt wurde. Man müsse aber auch darüber nachdenken, die kostensensible Transportbranche mit Anreizen zu Investitionen in die Verkehrssicherheit zu motivieren. Die Sachverständigen schlagen dafür Steuervorteile, gestaffelte Nachlässe bei Autobahnmaut sowie bei Prämien für Versicherungen sowie Berufsgenossenschaft vor. Auch nichtfinanzielle Benutzervorteile wären denkbar.

Aufklärungsbedarf

Auch bei Pkw-Fahrern sehen die Sachverständigen von TÜV und DEKRA Aufklärungsbedarf. Studien zufolge hat bisher erst jeder dritte Autofahrer schon einmal von Fahrerassistenzsystemen gehört oder gelesen. Nur jeder zweite kann die unfallvermeidenden Funktionen des Antischleudersystems ESP richtig beschreiben. Fahrerassistenzsysteme und deren positive Effekte im alltäglichen Gebrauch sind den Sachverständigen zufolge noch zu wenig bekannt.

Nach einer Befragung der Schweizerischen Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) werden warnende und informierende Systeme vom Fahrer eher akzeptiert als solche, die Fahreraufgaben übernehmen. Ein „gelenktes“ Fahren widerspreche der „Freude am Fahren“. Die Akzeptanz der elektronischen „Schutzengel“ widerspreche auch der Selbsteinschätzung der Fahrer, die sich überwiegend für gute bis sehr gute Autofahrer hielten. Die eigenen Fahrfähigkeiten würden meist überschätzt, wohingegen das Unfallrisiko eher unterschätzt werde.

Aufklärung

Daher müssten die Autofahrer intensiver über die Sicherheitspotenziale von Assistenzsystemen aufgeklärt werden und dass es sich lohne, dafür Geld auszugeben. Die Ausbildung von Berufskraftfahrern müsse hier einen Schwerpunkt setzen. Zudem müssten insbesondere auch Fahranfänger künftig besser mit den Sicherheitsfunktionen moderner Assistenzsysteme vertraut gemacht werden: in Fahrschulen, bei Fahrsicherheitstrainings und beim Kauf von Autos. Besonders die Risikogruppe der jugendlichen Fahranfänger ist mit Fahrzeugen unterwegs, die nicht mit lebensrettenden Assistenzsystemen ausgestattet sind.

Funktion dauerhaft garantieren

Wer von den Sicherheitsvorteilen der Assistenzsysteme dauerhaft profitieren will, muss aber auch Vorsorge treffen, um deren Funktion über ein ganzes Fahrzeugleben zu erhalten, betonen die Experten der TÜV und DEKRA. Wie Untersuchungen zeigten, könne im Laufe eines Fahrzeuglebens ein erheblicher Sicherheitsverlust durch Defekte, Alterung, Verschleiß, mangelnde Wartung und Fahrzeugänderungen eintreten. Hinzu komme, dass mit dem Elektronikboom im Auto die Komplexität der Systeme rasant zunehme. An gelegentlichen Elektronikproblemen moderner Autos werde deutlich, dass auch dieser Bereich ohne kontinuierliche Überwachung nicht auskomme.

Prüfung bei der HU

Der Autokäufer hat einen Anspruch darauf, die vom Hersteller in die Fahrzeuge integrierten Potenziale zur Unfallvermeidung über die gesamte Lebenszeit der Fahrzeuge nutzen zu können. Daher, so sagen die Experten, müssen auch die elektronisch geregelten Systeme im Fahrzeug im Rahmen der Hauptuntersuchung regelmäßig von neutralen Sachverständigen geprüft werden. Nur so könne die Funktion der sicherheitsrelevanten Systeme wie ABS oder ESP im Interesse der Verkehrssicherheit wie des Verbrauchers dauerhaft sichergestellt werden.

Durch die regelmäßige Prüfung werde auch die Manipulation an elektronisch geregelten Systemen erheblich erschwert. Besonders bei den Besitzern älterer Fahrzeuge ist in diesem Punkt ein hohes Maß an Kreativität festzustellen, sagen DEKRA und TÜV. Die Erfahrungen aus der Prüfung zeigen außerdem, dass mit zunehmendem Alter der Fahrzeuge nicht zuletzt der „menschliche Faktor“ zum Tragen kommt und Fahrzeuge nicht so instand gehalten und repariert werden, wie es eigentlich erforderlich wäre. Dies trifft besonders für Systeme zu, die auch bei Ausfall von elektronischen Bauteilen eine noch akzeptable Fahrleistung oder Grundfunktion zulassen.

OBD

Die in die Fahrzeuge integrierte On-Board-Diagnose stelle mit der Dokumentation aufgetretener Störungen eine wichtige Ergänzung zu den Messungen und Prüfungen im Rahmen der Hauptuntersuchung dar, könne diese aber nicht ersetzen. Daher müssten die Möglichkeiten für eine substanzielle, neutrale Prüfung der elektronisch geregelten Systeme mit Sicherheits- und Umweltrelevanz bei der HU wie geplant ausgebaut werden. Der Beginn der Prüfung elektronisch geregelter Systeme innerhalb der HU ist ein Schritt in die richtige Richtung.