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Fit to Drive-Kongress in Barcelona: Hohe Dunkelziffer bei Alkoholfahrten

Eine gesamteuropäische Strategie im Kampf gegen Alkohol und Drogen im Straßenverkehr fordern Verkehrsexperten auf dem internationalen Fit to Drive-Kongress in der katalanischen Hauptstadt Barcelona. Am 26.und 27. April 2012 treffen sich bereits zum sechsten Mal Verkehrspsychologen und Verkehrsmediziner zum europaweit größten interdisziplinären Erfahrungsaustausch über das menschliche Verhalten im Straßenverkehr.
(Bild: VdTÜV / Pau Palacios
(Bild: VdTÜV / Pau Palacios

16.000 Alkoholunfälle alleine in Deutschland

Die Fachleute schätzen, dass in Europa jedes Jahr rund 10.000 Menschen durch Verkehrsunfälle sterben, bei denen Alkohol im Spiel war. Die Zahl der Alkoholunfälle mit Personenschaden erhöhte sich im Jahr 2011 um 5,4 Prozent auf 15.887. Dabei kamen 399 Menschen ums Leben, das waren 57 mehr als im Vorjahr. Zur Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU) wegen Trunkenheitsfahrten mussten im Jahr 2009 in Deutschland 56.000 Personen. Insgesamt stellte die Polizei rund 200.000 Fahrten unter Alkoholeinfluss fest. Experten gehen aber von einer hohen Dunkelziffer aus: Auf ein festgestelltes Alkoholdelikt im Straßenverkehr kommen rund 600 unerkannte Fälle. Das entspricht einem Entdeckungsrisiko von 0,16 Prozent. Rund 94 Prozent der Bundesbürger halten Alkohol im Straßenverkehr für ein „größeres“ Sicherheitsrisiko.

Erfolg der Medizinisch-Psychologischen Untersuchung

Die gute Nachricht ist: Nur wenige alkoholauffällige Fahrer werden nach einer positiven Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU) wieder rückfällig. Dies geht aus einer repräsentativen Studie der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn im Auftrag des Verbandes der TÜV e.V. (VdTÜV) hervor. Untersucht wurde die Bewährung im Straßenverkehr von 1.600 ehemaligen MPU-Teilnehmern über einen Zeitraum von drei Jahren. Mehr als 90 Prozent fielen nicht wieder auf Deutlich über 90 Prozent aller Fahrer, die durch die MPU ihre Fahrerlaubnis wiedererhalten hatten, wurden nicht mehr rückfällig. Sie bekamen ihr problematisches Verhalten dauerhaft in den Griff. Die Experten konnten in ihrer Studie nachweisen, dass durch die MPU die Rückfallhäufigkeit bei Alkoholfahrern mit massiven Verhaltensproblemen auf das gleiche Niveau sank, wie bei minderschweren Fällen, bei denen lediglich eine Ordnungswidrigkeit vorlag. Dadurch wurde eine erfolgreiche Wiedereingliederung in den Straßenverkehr erst möglich. „Dies zeigt, dass durch die MPU eine echte Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten angestoßen wird“, erläutert Dr. Klaus Brüggemann, Geschäftsführendes Präsidiumsmitglied des VdTÜV, „Schutz vor Rückfällen durch die MPU bedeutet Schutz vor schweren und schwersten Unfällen.“

Gesamteuropäische Strategie

Auf dem 6. Fit to Drive – Kongress fordern die Experten daher eine wirkungsvolle gesamteuropäische Strategie, um Alkohol und Drogen am Steuer weiter zu bekämpfen. „Das Problem ist zwar offiziell erkannt, trotzdem wird bisher in den meisten Ländern nach der Methode verfahren, dass Betroffene erst durch Schaden klug werden;“ so Dr. Brüggemann, „Viele Unfälle, auch solche mit Todesfolge, ließen sich vermeiden, wenn sich problematische Verkehrsteilnehmer frühzeitig einer Nachschulung ihrer Verkehrskenntnisse unterziehen müssten.“ Die Experten sind sich darin einig, dass für Alkoholsünder im Straßenverkehr die Rehabilitation im Umfeld einer MPU offen stehen muss. Hier fehlt bislang aber eine europaweite Strategie.

Interdisziplinärer Austausch

Neben Psychologen und Medizinern beteiligen sich Fahrlehrer, Polizeibeamte, Pädagogen, Juristen sowie Vertreter von Behörden, die gemeinsam an einer Bestandsaufnahme und an Konzepten für die Zukunft arbeiten. Dr. Brüggemann: „Angesichts der großen Herausforderung können und wollen wir diesen Erfahrungsaustausch auf internationaler Ebene führen und gehen dabei bewusst interdisziplinär vor.“

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